Ich gestalte / Ausstellungsraum / Therapy

Digital inszenierte Ansicht des Werks. Fotografien des Objekts folgen.
Therapy
Textilskulptur, Polyesterwolle, gestrickt
ca. 24 × 22 × 18 cm
Unikat
Therapy entstand während eines stationären Aufenthaltes in einer psychosomatischen Klinik. Ein Mitpatient brachte Wolle mit und die Idee, zu stricken – etwas, das ich lange nicht mehr getan hatte. Anfangs mussten sich meine Hände erinnern. Doch mit jeder Reihe wurden die Bewegungen sicherer, die Maschen gleichmäßiger. Schon das Stricken selbst wurde zu einem therapeutischen Prozess.
Die leuchtenden Farben stehen für unterschiedliche Zeiten und Erfahrungen eines Lebens. Sie folgen aufeinander, verbinden sich und bilden schließlich ein Ganzes – so wie Erlebnisse in einer Therapie betrachtet, entwirrt und neu eingeordnet werden.
Der Schal bleibt verschlungen und verknotet. Denn Therapie macht das Gewesene nicht ungeschehen.
Das Erlebte wird nicht ausgelöscht. Es wird eingewoben.
Die Geschichte hinter dem Werk
Therapy ist während eines stationären Aufenthaltes in einer psychosomatischen Klinik entstanden.
Ein Mitpatient hatte Wolle mitgebracht und kam auf die Idee zu stricken. Ich hatte lange nicht mehr gestrickt. Meine Hände mussten sich zunächst erinnern: Wie ging das noch einmal? Wo läuft der Faden? Wie entsteht aus einer Masche die nächste?
Am Anfang war es ungewohnt und etwas mühsam. Doch je länger ich strickte, desto selbstverständlicher wurde die Bewegung. Ich wurde schneller. Die Maschen wurden glatter und gleichmäßiger. Etwas, das einmal vertraut gewesen war, kehrte zurück.
Schon dieser Vorgang hatte etwas Therapeutisches.
Aus den einzelnen knalligen Farben entstand nach und nach ein langer Schal. Jede Farbe bildet einen Abschnitt, und doch sind alle Abschnitte miteinander verbunden. Für mich stehen sie für die Chronologie eines Lebens: für unterschiedliche Zeiten, Erfahrungen und Erlebnisse, die aufeinanderfolgen und miteinander verwoben sind.
In einer Therapie begegnet man diesen Abschnitten noch einmal. Man zieht an einzelnen Fäden, betrachtet Verbindungen, entdeckt Verknotungen und versucht zu verstehen, was womit zusammenhängt. Erlebnisse bekommen einen Platz. Zusammenhänge werden sichtbar. Was zunächst ungeordnet erscheint, beginnt ein Muster zu ergeben.
Dabei geht es nicht darum, das Gewesene zu entfernen. Die Farben bleiben dieselben. Auch die einmal gestrickten Maschen lassen sich nicht ungeschehen machen. Aber das Erlebte kann neu betrachtet, eingeordnet und in das eigene Leben eingewoben werden.
Der fertige Schal ist deshalb nicht glatt ausgebreitet. Er ist ineinander verschlungen, verdreht und verknotet. Seine einzelnen farbigen Abschnitte bleiben sichtbar und bilden dennoch einen gemeinsamen Körper. Aus vielen unterschiedlichen Teilen entsteht ein Ganzes.
Auch der Titel „Therapy“ ist bewusst gewählt. Das englische Wort ist uns vertraut und zugleich ein wenig fremd. Wir verstehen es unmittelbar, und dennoch gehört es nicht vollständig zu unserer eigenen Sprache. Darin liegt für mich etwas von der Erfahrung einer Therapie: Man begegnet Dingen, die zum eigenen Leben gehören und einem gleichzeitig fremd geworden sein können. Man erkennt sie – und muss sie sich dennoch erst wieder aneignen.
Therapy erzählt davon, dass die eigene Geschichte nicht verschwindet, wenn wir sie bearbeiten. Sie bleibt bunt, widersprüchlich, manchmal verknotet und untrennbar mit uns verbunden.
Das Erlebte wird nicht ausgelöscht. Es wird eingewoben.
Text © Friederike von Corratio · Fragen zu diesem Werk: Kontakt