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Schutzhütte

Schutzhütte

2026
Tinte auf Papier
ca. 42 × 56 cm
Unikat
In Privatbesitz

„Pass auf“ zieht sich wie ein Warnruf durch das Werk. Mit Bambusfeder geschriebene Erinnerungen, Ängste und Entscheidungen fallen wie roter Regen auf ein mit großem Pinsel geschaffenes schwarzes Dach. Schriftähnliche, unlesbare Blöcke stehen für Menschen innerhalb und außerhalb seines Schutzes – für das, was weitergegeben wird, wenn es nicht gelingt, einen Kreislauf zu unterbrechen.

Schutzhütte ist eine Hommage an Breaking the Cycle: die eigene Geschichte anzusehen und zu tragen, ohne sie der nächsten Generation zur Aufgabe zu machen.

Die Schutzhütte hält den Regen nicht auf. Aber sie versucht zu verhindern, dass die Kinder darin stehen müssen.

Ausgangspunkt des Werks ist das Gedicht „Pass auf“. Einen Auszug findest du unter Ich schreibe.

Die Geschichte hinter dem Werk

Schutzhütte entstand aus zwei zunächst voneinander unabhängigen Arbeiten: einem Gedicht und einem meiner ersten Versuche, mit Tinte zu arbeiten. Ich erprobte unterschiedliche Werkzeuge und Bewegungen, darunter erstmals einen großen Pinsel. Aus zwei kraftvollen schwarzen Pinselzügen entstand eine Form, die für mich zu einem Dach wurde – zu einer Schutzhütte.

Mit einer Bambusfeder begann ich anschließend, dieses Dach mit Sprache zu umgeben.

„Pass auf“ ist der wiederkehrende Impuls des Werkes. Satz für Satz werden Entscheidungen, Ängste, Erfahrungen und Verletzungen betrachtet, die mir in den letzten zwanzig Jahren begegnet sind. Ich verstehe mich dabei als Resonanzkörper: Ich trage zusammen, was mir begegnet, vor allem in den Geschichten anderer. Jede Zeile ist mit der Frage verbunden, was eigentlich hinter ihr liegt. Was geschieht, wenn eine Entscheidung nicht nur aus dem gegenwärtigen Moment heraus getroffen wird, sondern aus etwas viel Älterem? Aus Angst, Verlust, Prägung, erlernten Mustern oder unverarbeiteten Erfahrungen?

So reiht sich Beobachtung an Beobachtung. Nicht als Anklage und nicht als Rechtfertigung, sondern als Versuch, Lebensgeschichten auf ihre verborgenen Beweggründe hin zu untersuchen. Denn was wir aus unseren Verletzungen heraus entscheiden, betrifft selten nur uns selbst. Es kann sich fortsetzen – in Beziehungen, in Familien und über Generationen hinweg.

Die roten Schriftzeilen fallen wie Regen auf das schwarze Dach. An seinen Seiten laufen sie hinab, als würde all das Erlebte, Erinnerte und Erkannte auf diese eine Konstruktion treffen.

Im Bild erscheinen außerdem schwarze, schriftähnliche Blöcke. Sie wirken aus der Entfernung wie Sprache, sind aber nicht lesbar. Einige befinden sich im Schutz der Hütte, andere außerhalb. Sie stehen für die Menschen, auf die das weitergegebene Erleben trifft – und für den Unterschied, den Schutz machen kann. Nicht überall gelingt es, einen Kreislauf zu unterbrechen. Wo das nicht geschieht, erreicht der Regen die nächste Generation. Sie nimmt auf, was ursprünglich nicht zu ihr gehört.

Schutzhütte ist deshalb auch eine Hommage an den Versuch, Verantwortung für die eigene Geschichte zu übernehmen. Eine Mutter oder ein Vater kann einem Kind sagen: Das ist meine Geschichte. Du hast damit nichts zu tun. Du musst sie nicht tragen. Du hast deine eigenen Themen, und um die darfst du dich kümmern. Ich möchte nur, dass du meine Geschichte kennst.

Vielleicht liegt genau darin für mich die eigentliche Bedeutung von Breaking the Cycle: Die eigene Geschichte nicht zu verschweigen und sie dennoch nicht weiterzugeben. Sie sichtbar zu machen, ohne sie den eigenen Kindern zur Aufgabe zu machen. Verantwortung dafür zu übernehmen, was zu einem selbst gehört – und der nächsten Generation zu erlauben, ihre eigene Geschichte zu leben.

Die Schutzhütte verspricht keine Welt ohne Regen. Sie kann auch nicht verhindern, dass Kinder wissen, dass es geregnet hat.

Aber sie versucht zu verhindern, dass sie im Regen ihrer Eltern stehen müssen.

Text © Friederike von Corratio · Fragen zu diesem Werk: Kontakt

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