Ich gestalte / Ausstellungsraum / LAUTER LOSE ENDEN

Digital inszenierte Ansicht des Werks. Fotografien des Objekts folgen.
LAUTER LOSE ENDEN
Pappe, Papier; Objekt in Plexiglaskasten auf Säule
Unikat
„LAUTER LOSE ENDEN“ entstand aus Papierstreifen und Schnipseln, die bei anderen Arbeiten übrig blieben. Aus vermeintlichen Resten wurde ein Bild für mein eigenes Erleben: viele Ideen, Verbindungen und Projekte – und die Gefahr, dass aus Möglichkeiten irgendwann Überlastung wird.
Über dem Geflecht liegt eine ruhige, weiße Fläche. Darauf steht in Großbuchstaben: LAUTER LOSE ENDEN. Ich verberge also nicht, was darunter geschieht. Eigentlich schreie ich es heraus. Und trotzdem wird der äußeren Ordnung oft mehr geglaubt als meinen Worten.
Ich schreie „LAUTER LOSE ENDEN“ – und die Welt sieht eine weiße Fläche.
Präsentiert wird das Werk in einem transparenten Plexiglaskasten, der den Kopf symbolisiert; die weiße Säule darunter steht für den Körper. Im Kopf sind die losen Enden sichtbar – wenn man bereit ist, die Perspektive zu verändern und hinzusehen.
Das Innere ist nicht verborgen. Es wird nur leicht übersehen.
Die Geschichte hinter dem Werk
„LAUTER LOSE ENDEN“ entstand aus Resten.
Bei der Arbeit an anderen Werken hatte ich Papier bemalt, mit unterschiedlichen Farben hinterlegt, zugeschnitten und zu Collagen verarbeitet. Dabei blieben schmale Streifen und Schnipsel übrig. Ich sah sie an und dachte:
Lauter lose Enden.
In diesem Moment waren sie keine Reste mehr. Sie waren das Material für ein neues Werk – und gleichzeitig ein Bild für etwas, das ich aus meinem eigenen Leben sehr gut kenne.
Ich habe viele Ideen. Ich beginne Dinge, entwickle Projekte, sehe Möglichkeiten und Verbindungen. Vieles davon fügt sich zusammen, manches kreuzt sich, manches führt weiter – und manches endet im Nichts. Ich muss sehr darauf achten, Angefangenes auch zu Ende zu bringen. Denn irgendwann können aus vielen Möglichkeiten ebenso viele offene Enden werden. Und aus vielen offenen Enden Überlastung.
Im Werk gehen diese Enden von einer großen weißen Fläche aus. Sie kreuzen sich, überlagern sich, sind miteinander verflochten und bilden darunter ein beinahe netz- oder nestartiges Durcheinander.
Von oben betrachtet sieht man davon zunächst erstaunlich wenig.
Die Fläche ist weiß. Ruhig. Klar. Geordnet.
Und mitten darauf steht in Großbuchstaben:
LAUTER LOSE ENDEN
Das ist für mich ein wesentlicher Teil des Werkes. Denn ich verberge nicht, was darunter geschieht. Ich schreibe es nach außen. Mehr noch: Durch die Großbuchstaben rufe ich es geradezu heraus.
Und trotzdem wird mir häufig eher das geglaubt, was man sieht, als das, was ich sage.
Nach außen kann ich geordnet, klar, handlungsfähig und stark erscheinen. Ich kann gleichzeitig sagen, dass es zu viel ist, dass ich überlastet bin oder Hilfe brauche. Doch beides scheint für andere nicht immer zusammenzupassen. Die sichtbare Ordnung wirkt glaubwürdiger als die ausgesprochene Überforderung.
So entsteht eine Inkongruenz, die fatal sein kann: Mir wird mehr Stärke zugeschrieben, als ich tatsächlich habe.
Ich schreie „LAUTER LOSE ENDEN“ – und die Welt sieht eine weiße Fläche.
Vielleicht brauche ich gerade deshalb im Außen so viel Ordnung: weil darunter schon genug Chaos ist.
Auch die Präsentation ist Teil des Werks. „LAUTER LOSE ENDEN“ befindet sich in einem transparenten Plexiglaskasten auf einer weißen Säule. Der Plexiglaskasten steht für den Kopf, die Säule für den Körper.
Im Kopf befindet sich das Geflecht: die vielen Enden, Verbindungen, Überlagerungen, Abzweigungen und das Unabgeschlossene. Durch das transparente Plexiglas ist all das grundsätzlich sichtbar. Es wird nicht versteckt. Und dennoch muss man die Perspektive verändern, näher herantreten, darunter- und hineinsehen, um zu erkennen, was tatsächlich los ist.
Genau darin liegt für mich die vielleicht wichtigste Aussage des Werkes:
Das Innere ist nicht verborgen. Es wird sogar ausgesprochen. Und trotzdem wird es leicht übersehen.
„LAUTER LOSE ENDEN“ handelt von Überlastung und innerem Chaos, von äußerer Ordnung und zugeschriebener Stärke. Vor allem aber handelt es von der Erfahrung, deutlich zu sagen, wie es einem geht – und trotzdem nicht gesehen zu werden.
Es ist nicht verborgen. Man muss nur hinsehen.
Text © Friederike von Corratio · Fragen zu diesem Werk: Kontakt